Geschichte der Gemeinde Gistenbeck

In den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts hörten Menschen im Wendland von dem Wirken des Pastors Ludwig Harms in Hermannsburg. Insbesondere von seinen Bußpredigten wurden sie innerlich bewegt. Der Missionsauftrag ihres Herrn Jesu Christus wurde durch das Wirken des Pastor Ludwig Harms neu vermittelt.Die Menschen im Wendland, die sich von Ludwig Harms in ihrem Glauben inspirieren ließen, waren Gemeindeglieder verschiedener Kirchengemeinden der Hannoverschen Landeskirche im Wendland. Infolge der „Erweckungsbewegung“ durch Ludwig Harms versammelten sich Mitte des 19. Jahrhunderts erste Hauskreise, die sich mit dem Sinn und der Arbeit der Mission Mission auseinander setzten. Weil die Mitarbeiter der Hauskreise bei ihren Pastoren bzw. Seelsorgern in den landeskirchlichen Gemeinden oftmals kein Verständnis fanden für das, was sie in ihrem Glauben bewegte und was sie benötigten, suchten sie daher in der weiteren Umgebung Pastoren, die ihnen das Erbetene vermitteln konnten - sie selber zählten zu der „Erweckungsbewegung“.

Die relativ weiten Wege wurden für die körperlich hart arbeitenden betroffenen Menschen im 19. Jahrhundert zunehmend beschwerlicher. Ein Gistenbecker Bauer ergriff die Initiative, in dem er im südwestlichen Wendland in verschiedenen Dörfern zunächst wechselweise monatliche Missionsstunden organisierte. Diese wurden von Hermannsburger „Missionszöglinge“ (Missionsstudenten), die von Pastor Harms ausgebildet waren, geleitet. In diesen Veranstaltungen kamen zunehmend mehr Gleichgesinnte.

In den sechziger und siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts wuchs der Kreis der Missionsstundenteilnehmer kontinuierlich. Diese Menschen waren fleißige Kirchgänger in ihren landeskirchlichen Gemeinden. Da sie bei den Gebeten im Gottesdienst aufstanden, während die anderen sitzen blieben, konnte ihre Zahl nach außen hin nicht verborgen bleiben. Im Frühjahr 1878 traten infolge der massiven kirchlichen Auseinandersetzungen etliche bekennende Lutheraner, die, als alle Versuche zur Abwendung des Ärgernisses z.B. mit dem Trauformular fehlschlugen, aus der Hannoverschen Landeskirche aus. (siehe dazu: Geschichte der SELK).

Unter der Führung des Bauern Christoph Schnell aus Gistenbeck beschlossen die bekennenden Lutheraner im Wendland, eine staatsfreie evangelisch lutherische Gemeinde zu bilden. In Nettelkamp, im benachbarten Landkreis Uelzen, befand sich zu dieser Zeit der, aufgrund des nicht anerkannten neuen Trauformulars, abgesetzte Pastor Adolf Heike. Bei diesem suchte die Gruppe ihre kirchliche kirchliche Betreuung, die der neuen Gemeinde im Wendland dann auch zugesagt wurde. Sobald eine „Notkirche“ zur Verfügung stehe, sollte an jedem 3. Sonntag ein Gottesdienst gefeiert werden.

In einem ehemaligen Schafstall in Seelwig (bei Clenze) wurde daraufhin eine Notkirche eingerichtet, die mit Altar, Kanzel und Sitzplätzen würdig ausgestattet war. Am Sonntag Rogate, den 26. Mai 1878 wurde der 1. Hauptgottesdienst in der Notkirche gefeiert. Bereits nach einem Jahr gehörten etwa 200 Seelen zu der kleinen Gemeinde.

Kirche um 1905

Kirchengebäude um 1905

Das erfreuliche, ständige Wachstum führte zu dem Entschluss, eine Kirche zu bauen. Die Gemeinde entschied sich, die Kirche in Gistenbeck zu bauen. Dieses Dorf lag zentral und war dazu von allen Seiten auf guten Straßen zu erreichen.

Im Laufe des Sommers 1879 bauten Handwerker der Gemeinde den einfachen Fachwerkbau mit einem vorgesetzten Turm. Bereits am 16. September 1879 konnte die neue Kirche in Gistenbeck eingeweiht werden. Zur Begleitung des Gemeindegesanges erhielt die Kirche im Jahr 1897 eine Orgel.

Gemeindehaus um 1915

Gemeindehaus um 1915 (coloriertes SW-Foto)

Schmerzlich für die Gemeinde in Gistenbeck war die Trennung von der Hermannsburger Mission. Da diese Mission sich vertraglich an die hannoversche Landeskirche gebunden hatte, erschien eine weitere Zusammenarbeit nicht möglich. Die Gistenbecker Gemeinde verband sich fortan mit der neu gegründeten Bleckmarer Mission, zu der sie eine enge Verbindung knüpfte. Am 01. Mai 1905 wurde der erste Pastor der Gemeinde, Karl Heike, in sein Amt eingeführt. Nach 26 Jahren seit Bestehen der Gemeinde, hatten die Gistenbecker einen eigenen Pastor. Dieser konnte das neu gebaute Pfarrhaus im Dezember des selben Jahres beziehen.

Im Pfarrhaus befand sich nicht nur die Pfarrwohnung, sondern ein Gemeindezimmer (Gemeindestube), in dem gemeindlichen Leben, wie Übungsstunden der Chöre, Bibelstunden, Gemeindeversammlungen u.v.m. regelmäßig stattfanden.

1972 ist die Hannoversche evangelisch-lutherische Freikirche in der Selbständig-Evangelisch-Lutherischen-Kirche (SELK) aufgegangen (vgl. dazu Geschichte der SELK) – hierzu gehört seitdem auch die Gistenbecker Gemeinde. 1960 schlossen sich die Gemeinden Gistenbeck und Nestau und Nateln und zu einem Pfarrbezirk zusammen.

Im Oktober 1992, nach zweijähriger Bauzeit, wurde das neue Gemeindehaus eingeweiht. 1999 wurde die Fachwerkkirche vollständig renoviert und erhielt 2009 eine neue Orgel. Die neue Orgel wurde im April aus der entweihten St.Josef-Kirche in Hörnum/Sylt ausgebaut (die kath.Kirche wurde bereits 2008 profaniert). Von Juli bis November 2009 baute Orgelbaumeister Amadeus Junker diese Breil-Orgel in der St.Pauli-Kirche ein.


Quellen:

  • Pastorenkonvent (Hg.) Geschichte der Hannoverschen evangelisch-lutherischen Freikirche,Celle 1924, Seiten 157–17
  • Probst Horst Brügmann in Festschriften verschiedener Gemeinden der Selbständig-Evangelisch-Lutherischen Kirche – zuerst in 100 Jahre St. Johannis Gemeinde Scharnebeck 1878 – 1978 (ohne Seitenzahl)
  • Probst Horst Brügmann in Festschriften verschiedener Gemeinden der Selbständig-Evangelisch-Lutherischen Kirche – zuerst in 100 Jahre St. Johannis Gemeinde Scharnebeck 1878 – 1978 (ohne Seitenzahl)
  • verschiedene Artikel der EJZ-online
  • Fotos mit freundlicher Genehmigung des Wendland-Archivs und Rundlingsvereins